Make it STRANGER - Meine Geheimwaffe für besondere Fotos

"Nett, aber vollkommen langweilig" - So würde ich einhundert Prozent der Essensfotos beschreiben, die ich mit dem Handy an meine Mama schicke. Und das ist okay so. Für meine richtigen Fotos wäre diese Beschreibung allerdings unerträglich! Denn die sollen knallen, berühren, in Erinnerung bleiben. Aber wie stellt man das an, wenn doch so ziemlich jedes denkbare Fotomotiv, jede Sehenswürdigkeit, jedes Porträt schon in tausend Varianten durchs Netz und durch die Welt flattert? Wie mache ich als Fotografin Bilder, die herausstechen? Hier möchte ich euch einen meiner Tricks dafür verraten. Ich bediene mich dabei einer Methode, die ich das "Make it stranger"-Prinzip nenne.


Make it stranger - Wo kommt das Her?

Das sprichwörtliche Licht zu diesem Prinzip ging mir vor einigen Jahren auf. Der Geistesblitz traf mich damals aber nicht alleine, sondern gemeinsam mit einer Gruppe befreundeter Fotografinnen und Fotografen, mit denen ich mich auf einer Fotoreise durch Schottland befand. Schottland, das weiß man, ist voller unglaublich schöner Fotomotive. Berge, Seen, Dörfer, Küsten, Schlösser - hinter jeder Kurve ein neues Motiv. Wir fotografierten uns die Seele aus dem Leib! Allerdings nur, um bereits am zweiten Tag unserer Reise beim abendlichen gemeinsamen Durchsehen unserer Bilder festzustellen, wie langweilig diese im Grunde waren. Gute Motive, ja. Handwerklich solide, alles schön festgehalten. Aber jedes Motiv war vorhersehbar. Alles war geradlinig, gefällig, schon hundert Mal gesehen. Um es als Musikliebhaberin auszudrücken: Wir hatten Modern Talking produziert, obwohl wir Leonard Cohen sein wollten. Die einzigen Fotos, bei denen wir lachten, die Stirn runzelten oder nachdachten, waren ausgerechnet unsere Outtakes. Die scherzhaften Auslösungen, die misslungenen Schüsse aus der Hüfte. All die Bildexperimente, bei denen man schon während des Fotografierens davon ausging, dass sie später sowieso in die Tonne wandern würden. Ausgerechnet diese Fotos berührten uns. Alles, was irgendwie strange war. Wir guckten uns an und beschlossen da und dort die Resolution für unseren restlichen Fototrip: "Make it STRANGER!".

Make it Stranger - Wie funktioniert es?

"Make it stranger" - Was genau heißt das? Es heißt: Probier' was aus. Sei spontan. Versuche, Dein Fotomotiv zu variieren - finde einen Weg, es unerwartet und ungewöhnlich zu interpretieren. Eben einfach ein bisschen seltsamer. Seit meiner kleinen Erleuchtung in den schottischen Highlands versuche ich am Ende jedes Fotoshootings noch ein bisschen was herauszukitzeln. Mich nicht mit den gemachten Fotos zufrieden zu geben, sondern die Kamera noch einmal anzusetzen und noch mindestens eine andere, seltsamere Bildvariation zu fotografieren - wie bescheuert oder hoffnungslos diese auch scheinen mag. Ich plane die Zeit für diese kleinen Experimente extra mit ein, denn nicht nur machen sie mir große Freude, sondern sie bringen geradezu unrealistisch oft auch ziemlich geiles (pardon) Bildmaterial hervor. Mitunter sind "Make it stranger"-Fotos die erfolgreichsten Bilder eines Shootings.

Make it Stranger - Safety Instructions

Wichtig: "Make it stranger" ist eine Methode, um offensichtliche Fotomotive in zusätzlichen Varianten aufzunehmen. Es liegt aber in der Natur von Ungeplantem, dass es auch schief gehen kann. "Make it stranger" sollte deshalb erst zum Einsatz kommen, wenn man die "normalen" Fotos eines Shootings bereits gemacht hat. Denn bevor man sich treiben lässt und mit unvorhersehbarem Ergebnis experimentiert, sollte man sicher sein, bereits etwas Verwertbares im Kasten zu haben. Einen safe shot, sozusagen. "Make it stranger" soll die reguläre Motivauswahl im Idealfall einfach um einige spannende Motive erweitern. Und je öfter man mit ungewöhnlichen Perspektiven arbeitet und über besondere Blickwinkel nachdenkt, desto höher ist natürlich die Wahrscheinlichkeit, mit dieser Technik einen Treffer zu landen und wirklich einmalige Fotos zu erreichen. Nicht selten sind meine "Make it stranger"-Zusatzfotos genau die, die es am Ende auf ein Cover oder in eine Kampagne schaffen. Aber: Nicht alle Kunden teilen diesen Geschmack, und nicht immer gelingt der Ansatz überhaupt. Deshalb: Safety first. Strange last.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0

ANNE HUFNAGL - Freie Fotografin
Corporate | Event | Portrait

Berlin & Hamburg